{"id":105059,"date":"2022-11-16T21:12:05","date_gmt":"2022-11-16T20:12:05","guid":{"rendered":"https:\/\/agoff.de\/?p=105059"},"modified":"2022-11-27T15:38:24","modified_gmt":"2022-11-27T14:38:24","slug":"forschungsstelle-sudetenland-forschungsregion-boehmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/agoff.de\/?p=105059","title":{"rendered":"Forschungsstelle Sudetenland &#8211; Forschungsregion B\u00f6hmen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der Name leitet sich von dem keltischen Stamm der Boier ab. Um 550 wanderten Slawen von Osten her nach B&ouml;hmen ein. Karl der Gro&#223;e versuchte, B&ouml;hmen zu erobern, letztlich vergeblich. Allerdings verpflichtete sich ab 806 das Land zu Tributzahlungen. Ab den 870er Jahren dominierte das Gro&#223;m&auml;hrische Reich den b&ouml;hmischen Raum. 890 lie&#223; sich der M&auml;hrerf&uuml;rst Svatopluk I. vom ostfr&auml;nkischen K&ouml;nig Arnulf von K&auml;rnten die Vorherrschaft &uuml;ber B&ouml;hmen legitimieren. Ende des 9. Jahrhunderts wurde das Gro&#223;m&auml;hrische Reich durch einen B&uuml;rgerkrieg sowie Angriffe der Ungarn, Bayern und B&ouml;hmen stark geschw&auml;cht und ging Anfang des 10. Jahrhunderts unter.<\/p>\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die b&ouml;hmischen F&uuml;rsten der P&#345;emysliden-Dynastie herrschten in B&ouml;hmen zun&auml;chst unter m&auml;hrischer Oberhoheit. In diese Zeit des 9. Jahrhunderts f&auml;llt die Christianisierung B&ouml;hmens einerseits vom Fr&auml;nkischen Reich aus, besonders von Regensburg und Passau, andererseits durch die &#8222;Slawenapostel&#8220; Methodius und Kyrill von Saloniki, die M&auml;hren und teilweise auch B&ouml;hmen in den Einflussbereich der &ouml;stlichen Kirchen brachten und die altkirchenslawische Schriftsprache verbreiteten. Kaiser Otto I. gr&uuml;ndete 973 f&uuml;r B&ouml;hmen, bisher Teil des Bistums Regensburg, ein eigenes Bistum mit Sitz in Prag. Es geh&ouml;rte zur Kirchenprovinz Mainz und umfasste, nachdem 1000 Schlesien und Kleinpolen zum Bistum Gnesen und 1063 M&auml;hren zum Bistum Olm&uuml;tz kam, das Herzogtum B&ouml;hmen, das Glatzer Land und Zittau. Parallel dazu setzten sich die in Mittelb&ouml;hmen lebenden Tschechen unter den P&#345;emysliden als beherrschender Faktor im Land durch und entwickelten ihre Residenzstadt Prag zum Zentrum B&ouml;hmens. Ihr Machtbereich beschr&auml;nkte sich zun&auml;chst auf die mittelb&ouml;hmische Region. Die b&ouml;hmische K&ouml;nigsw&uuml;rde, 1085 Vratislav II. pers&ouml;nlich verliehen, schuf eine Sonderstellung B&ouml;hmens im Heiligen R&ouml;mischen Reich. Lange Zeit m&auml;chtigster F&uuml;rst, war der b&ouml;hmische K&ouml;nig einer der sieben Kurf&uuml;rsten, die nach der Goldenen Bulle (1356) den r&ouml;misch-deutschen K&ouml;nigs w&auml;hlten.<\/p>\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp&auml;testens ab dem 10. Jahrhundert lebten in Prag bedeutende deutsche und j&uuml;dische Gemeinschaften. Im 13. Jahrhundert begann in manchen Teilen eine intensive Besiedlung durch deutsche Siedler und Bergleute. Auch in vielen St&auml;dten Innerb&ouml;hmens lebten ab dem 12.\/13. Jahrhundert Deutsche und Tschechen zusammen.<\/p>\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter Ottokar II. erreichte die p&#345;emyslidische Herrschaft ihre gr&ouml;&#223;te Ausdehnung: Er war b&ouml;hmischer K&ouml;nig, Herzog von &Ouml;sterreich,der Steiermark, von K&auml;rnten und Krain. Da er die Eroberungen des Deutschen Ordens unterst&uuml;tzt hatte, nannte man das ostpreu&#223;ische K&ouml;nigsberg zum Dank nach ihm. Mit der Ermordung Wenzels III. 1306 in Olm&uuml;tz endete die P&#345;emyslidendynastie und 1310 kam die Dynastie der Luxemburger mit Johann auf den b&ouml;hmischen Thron. 1347 folgte ihm sein Sohn Karl, der sp&auml;tere Kaiser Karl IV., als K&ouml;nig von B&ouml;hmen nach. Er bewirkte 1344 die Erh&ouml;hung des 973 gegr&uuml;ndeten Bistums Prag zu einem Erzbistum, das dadurch aus der Kirchenprovinz Mainz ausschied. 1348 gr&uuml;ndete Karl IV. die nach ihm benannte Karls-Universit&auml;t in Prag als erste Universit&auml;t auf dem Boden des Heiligen R&ouml;mischen Reiches n&ouml;rdlich der Alpen. Zu jener Zeit war die b&ouml;hmische Hauptstadt das politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum Mitteleuropas. Das b&ouml;hmische K&ouml;nigreich bildete das Machtzentrum, benachbarte Territorien inkorporierte er zur Krone B&ouml;hmens. So verzichtete 1335 Kasimir der Gro&#223;e von Polen auf Schlesien. Seit dem 14. Jahrhundert geh&ouml;rten deshalb Schlesien, die Lausitzen sowie zeitweise die Mark Brandenburg und auch Teile der im Norden der heutigen Oberpfalz liegenden Gebiete (sog. Neub&ouml;hmen) zu den L&auml;ndern der b&ouml;hmischen Krone. Karl IV. betrieb eine ausgleichende Nationalit&auml;tenpolitik: Er sch&uuml;tzte und f&ouml;rderte die Deutschen in B&ouml;hmen, verlangte von ihnen aber, dass sie ihre Kinder zweisprachig, deutsch und tschechisch, erz&ouml;gen.<\/p> \r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur Zeit seines Todes im Jahr 1378 erreichte die deutsche Besiedlung B&ouml;hmens einen H&ouml;hepunkt und ging bald wieder zur&uuml;ck. Wirtschaftlich war B&ouml;hmen unter den Luxemburgern eine der f&uuml;hrenden Regionen Europas. In Prag waren gleichzeitig mit dem Prager Kanzleideutsch Grundlagen der modernen deutschen Sprache und durch die Feder des religi&ouml;sen Reformators Jan Hus Grundlagen der modernen tschechischen Sprache gelegt worden. Nach seiner Verbrennung 1415 in Konstanz trotz der Zusage freien Geleits begannen 1420 die Hussitenkriege, in denen sich nationale, soziale und konfessionelle Spannungen entluden. Betroffen waren neben katholischen St&auml;dten, Kl&ouml;stern und Burgen im Land auch Bayern, Schlesien, das Glatzer Land, &Ouml;sterreich, die westlichen Slowakei, Brandenburg und Pommern. Trotz der Niederlage der Taboriten in den Schlachten von Lipan und von Br&uuml;x 1434 erhielt 1436 im Iglauer Abkommen die hussitische Bev&ouml;lkerung eine begrenzte Glaubensfreiheit. Dieses Abkommen hielt Georg von Podiebrad, 1458 zum K&ouml;nig von B&ouml;hmen gew&auml;hlt, ein und versuchte den Frieden in B&ouml;hmen zwischen der hussitischen und der katholischen Seite zu erhalten. Papst Paul II. erkl&auml;rte ihn deshalb 1466 zum Ketzer. Es folgte sofort ein Aufstand, den Podiebrad 1467 unterdr&uuml;cken konnte, aber zwei Jahre sp&auml;ter, 1469, unterzeichnete er einen Nachfolgeschaftsvertrag mit dem polnischen K&ouml;nig Kasimir IV., weil der ungarische K&ouml;nig Matthias Corvinus B&ouml;hmen milit&auml;risch eingenommen hatte und sich 1469 zum b&ouml;hmischen Gegenk&ouml;nig hatte w&auml;hlen lassen. Nach dem Tod Podiebrads w&auml;hlten die St&auml;nde B&ouml;hmens den polnischen Prinzen Vladislav II. 1471 zum K&ouml;nig von B&ouml;hmen. Den Krieg gegen den Gegenk&ouml;nig Matthias Corvinus beendete er 1479 mit dem Frieden von Olm&uuml;tz. Matthias konnte die b&ouml;hmischen Nebenl&auml;nder M&auml;hren, Schlesien, Ober- und Niederlausitz behalten. Beide durften den Titel &#8222;K&ouml;nig von B&ouml;hmen&#8220; f&uuml;hren. Mit Matthias Tod 1490 konnte Vladislav vertragsgem&auml;&#223; alleiniger K&ouml;nig von B&ouml;hmen werden. Die nach ihm benannte und im Jahr 1500 vom Landtag verabschiedete Vladislavsche Landesordnung sicherte den b&ouml;hmischen Herren und Rittern weitgehende politische Mitspracherechte und gilt als &auml;lteste geschriebene Verfassung B&ouml;hmens. Mit dem Tod Ludwigs II. 1526 endete die Dynastie der Luxemburger und die St&auml;nde w&auml;hlten seinen Schwager Ferdinand I. von Habsburg zum b&ouml;hmischen K&ouml;nig. 1547 kam es im Zusammenhang mit dem Schmalkaldischen Krieg zu einem protestantischen St&auml;ndeaufstand, der auch den Oberlausitzer P&ouml;nfall ausl&ouml;ste. Die Confessio Bohemica, 1575 auf Betreiben der protestantischen St&auml;nde verfasst, sollte alle evangelischen Str&ouml;mungen im Land unter einem theologischen Dach vereinen. 1618 rebellierten die evangelischen St&auml;nde gegen Kaiser Matthias wegen ihrer im sogen. Majest&auml;tsbrief (1609) zugesicherten Rechte. Der Prager Fenstersturz war der Ausl&ouml;ser f&uuml;r den St&auml;ndeaufstand in B&ouml;hmen und damit f&uuml;r den Drei&#223;igj&auml;hrigen Krieg. Nach dem Tod des Kaisers im M&auml;rz 1619 sagten sich die St&auml;nde der b&ouml;hmischen L&auml;nder von den Habsburgern los, schufen sich eine neue Verfassung und w&auml;hlten den Calvinisten Friedrich von der Pfalz zum K&ouml;nig.<\/p>\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Schlacht am Wei&#223;en Berg (B&#237;l&#225; hora) am 8. November 1620 unterlagen die b&ouml;hmischen St&auml;nde unter ihrem K&ouml;nig Friedrich von der Pfalz den Truppen der katholischen Liga. Friedrich, der sogenannte Winterk&ouml;nig, musste aus B&ouml;hmen fliehen, Kaiser Ferdinand II. konnte seinen Anspruch auf die Krone B&ouml;hmens durchsetzen, mit aller H&auml;rte fast im ganzen Land die Gegenreformation durchsetzen und alle Nichtkatholiken unterdr&uuml;cken. Die F&uuml;hrer des b&ouml;hmischen Aufstands wurden hingerichtet, viele protestantische Adlige enteignet und vertrieben, manche konvertierten um bleiben zu k&ouml;nnen. Die eingezogenen G&uuml;ter konnten &uuml;berwiegend katholische deutsche Adlige kaufen. Der Drei&#223;igj&auml;hrige Krieg verw&uuml;stete B&ouml;hmen stark. Pl&uuml;nderungsfeldz&uuml;ge zwischen 1639 und 1640 hinterlie&#223;en ein ausgeraubtes und zerst&ouml;rtes Land. Etwa drei Viertel der ca. 3 Millionen Bewohner fielen dem Krieg zum Opfer, zwei Drittel der St&auml;dte und ca. 80 % der D&ouml;rfer waren zerst&ouml;rt. Die verbliebenen Bewohner mussten zwangsweise zur katholischen Lehre zur&uuml;ckzukehren, gerade in den Grenzregionen emigrierten ca. 100 000 nach Sachsen und Schlesien. Diese Emigration hatte neben der 1627 eingef&uuml;hrten b&ouml;hmischen Landordnung, die absolutistisch war und die Mitbestimmung des Adels und der St&auml;dte nahezu abschaffte, zur Folge, dass das Land verarmte. Nach dem Krieg erfolgte die Besiedlung entv&ouml;lkerter Landstriche mit Siedlern aus deutschsprachigen Teilen des Habsburgerreiches.<\/p> \r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurz nach der Thronbesteigung durch Maria Theresia 1740 verlor &Ouml;sterreich im Ersten Schlesischen Krieg den gr&ouml;&#223;ten Teil Schlesiens an Preu&#223;en. Nach ihrem Tod 1780 &uuml;bernahm ihr Sohn Joseph II. die Herrschaft und schaffte 1781 die Leibeigenschaft ab. Sein Ersatz des Lateinischen als erster Amtssprache des Habsburgerreiches durch Deutsch l&ouml;ste bei den Tschechen und anderen Nationalit&auml;ten Unmut aus.<\/p>\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">1804 wurden die habsburgischen Lande zum Kaisertum &Ouml;sterreich. Das Egerland, bis dahin ein uneingel&ouml;stes Pfandgebiet mit eigenst&auml;ndigen Institutionen, kam nach dem Ende des Heiligen R&ouml;mischen Reiches im Jahre 1806 zu B&ouml;hmen. Nach dem Wiener Kongress regte sich unter dem b&ouml;hmischen Adel schon fr&uuml;h Widerstand gegen die Politik Metternichs. Die M&auml;rzrevolution von 1848 fand auch in B&ouml;hmen, vor allem in Prag statt. In deren Gefolge kam es im Juni des Jahres in Prag zu einem Slawenkongress, bei dem der Historiker Franti&#353;ek Palack&#253; eine entscheidende Rolle spielte. Hauptforderung des Kongresses war eine gleichberechtigte Rolle der Slawen in der Donaumonarchie. Als Kaiser Ferdinand I. dessen Forderungen ablehnte, kam es am 13. Juni 1848 zum Prager Pfingstaufstand gegen die &ouml;sterreichische Herrschaft in B&ouml;hmen, der jedoch schon nach drei Tagen mit milit&auml;rischer Gewalt niedergeschlagen worden war.<\/p> \r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit dem &ouml;sterreichisch-ungarischen Ausgleich von 1867 geh&ouml;rte B&ouml;hmen zum cisleithanischen Teil der Doppelmonarchie. Im Jahr 1880 kam Tschechisch neben Deutsch als weitere Amtssprache in B&ouml;hmen hinzu, allerdings erfolgte die zweisprachige Verwaltung bei Gemeinden mit bedeutendem tschechischen Bev&ouml;lkerungsanteil. Ebenfalls 1882 gestaltete man das Wahlrecht etwas demokratischer, weshalb nun die Tschechen seit 1883 die Mehrheit im b&ouml;hmischen Landtag hatten. 1897 erlie&#223; der &ouml;sterreichische Ministerpr&auml;sident Graf Badeni eine Nationalit&auml;tenverordnung f&uuml;r B&ouml;hmen und M&auml;hren, nach der dort alle politischen Gemeinden zweisprachig zu verwalten waren. Damit war Tschechisch nun in beiden Kronl&auml;ndern Nationalsprache. Aus Protest dagegen legten deutsche Abgeordnete den &ouml;sterreichischen Reichsrat lahm, die Regierung musste zur&uuml;cktreten und 1899 die Nationalit&auml;tenverordnung wieder aufgehoben werden. Daher blockierten die tschechischen Abgeordneten die Parlamentsarbeit in Wien und die deutschen jene in Prag. Ein &ouml;sterreichisch-tschechischer Ausgleich war zwar angestrebt, jedoch nie erreicht worden. Laut Volksz&auml;hlung 1910 betrug der tschechische Bev&ouml;lkerungsanteil der 6.770.000 Einwohner B&ouml;hmens 63,2 % und der deutsche 36,8 %. W&auml;hrend die Mischsituation politisch zur Blockade f&uuml;hrte, war sie in anderer Hinsicht &auml;u&#223;erst produktiv: B&ouml;hmen hatte die modernste Industrie unter den &ouml;sterreichischen Kronl&auml;ndern.<\/p> \r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 28. Oktober 1918 wurde die Tschechoslowakische Republik gegr&uuml;ndet. Rechtliche Grundlage f&uuml;r die Errichtung des neuen Staates war das Gesetz &uuml;ber die Errichtung des selbstst&auml;ndigen tschechoslowakischen Staates vom 28. Oktober 1918. Der Staat ging aus den vorher zu &Ouml;sterreich geh&ouml;renden Gebieten B&ouml;hmen, M&auml;hren und &Ouml;sterreichisch-Schlesien sowie aus den zu Ungarn geh&ouml;renden Gebieten Oberungarn (Slowakei) und Karpato-Ukraine (Podkarpatsk&#225; Rus, heute Oblast Transkarpatien\/Ukraine) hervor. Der neue Staat bestand 1921 aus 14 Millionen Menschen, von denen 50,82 % Tschechen, 23,36 % Deutsche. 14,71 % Slowaken, 5,57 % Ungarn und 3,45 % Ruthenen waren.<\/p> \r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">1919 brach der Polnisch-Tschechoslowakische Grenzkrieg um das Olsa-Gebiet aus. Der Streit um ein verh&auml;ltnism&auml;&#223;ig sehr kleines Gebiet konnte endg&uuml;ltig erst 1958 beigelegt werden. Auch kleinere Gebietsforderungen Polens an der Nordgrenze der heutigen Slowakei f&uuml;hrten immer wieder zu Spannungen. Durch die Pariser Vorortvertr&auml;ge nach dem Ersten Weltkrieg kam es zu weiteren kleineren Gebietsver&auml;nderungen: Deutschland musste nach dem Friedensvertrag von Versailles das Hultschiner L&auml;ndchen (tschechisch Hlu&#269;&#237;nsko) abtreten (10. Januar 1920), &Ouml;sterreich musste im Vertrag von Saint-Germain zwei kleine Gebiete Nieder&ouml;sterreichs an die Tschechoslowakei abtreten (31. Juli 1920), beide aus eisenbahnstrategischen Gr&uuml;nden. Mit Ungarn kam es durch den Vertrag von Trianon zu einem Austausch zweier Gemeinden. Mit Rum&auml;nien kam 1921 es im Zuge des Vertrags von S&#233;vres zu einem Gebietsaustausch in der Karpato-Ukraine.<\/p>\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Als erster Pr&auml;sident wurde der Philosoph und Soziologe Tom&#225;&#353; Garrigue Masaryk gew&auml;hlt. Der Tschechoslowakischen Nationalausschuss, im Juni 1918 aus Vertretern tschechischer Parteien entsprechend den Wahlergebnissen von 1911 zusammengesetzt, verabschiedete die provisorische Verfassung von November 1918. Die Tschechoslowakei war ein heterogener Staat, dessen Bev&ouml;lkerung aus etwa 51 % Tschechen, 15 % Slowaken, 23 % Deutschen 5 % Ungarn und 4% Ukrainern bestand.<\/p> \r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Verfassungsurkunde der Tschechoslowakischen Republik wurde am 29. Februar 1920 angenommen \u2013 nicht durch ein gew&auml;hltes Parlament, sondern durch die sogenannte Revolution&auml;re Nationalversammlung, die durch eine Erweiterung des oben genannten Nationalausschusses gebildet worden war. Von den 270 Abgeordneten der Nationalversammlung waren den Slowaken 54 Sitze zugeteilt worden. Die Deutschen in B&ouml;hmen und M&auml;hren, welche die Gr&uuml;ndung des neuen Staates &uuml;berwiegend ablehnten, sie hatten einen Anschluss an &Ouml;sterreich geplant, den die Siegerm&auml;chte untersagten, boykottierten die Nationalversammlung und vers&auml;umten so die Gelegenheit, die Entstehung eines neuen Staates zu beeinflussen. Nach Masaryks R&uuml;cktritt 1935 wurde sein engster Mitarbeiter Edvard Bene&#353; zu seinem Nachfolger.<\/p>\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Weltwirtschaftskrise traf auch die Tschechoslowakei in den Jahren 1929 bis 1933. Die Zahl der Arbeitslosen belief sich auf etwa eine Million, gerade in den Grenzregionen war sie besonders hoch. Die Zeitspanne 1934 bis 1938 brachte neben einem weiteren wirtschaftlichen Niedergang eine zus&auml;tzliche Gefahr, denn in den Grenzgebieten mit &uuml;berwiegend sudetendeutscher Bev&ouml;lkerung, unzufrieden mit ihrer Stellung im Staat, fand die Sudetendeutsche Partei von Konrad Henlein, der sich immer mehr Hitler zuwandte, immer mehr Anh&auml;nger. Viele Sudetendeutschen lehnten die Verpflichtung zum Erlernen der Staatssprache ab, wie sie in den zwanziger Jahren &uuml;berhaupt in einer grundlegenden Opposition gegen&uuml;ber den neuen Machthabern verharrten. Unzufrieden waren auch die Slowaken, die innerhalb des Staates keine Autonomie erhalten hatten.<\/p> \r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dem M&uuml;nchner Abkommen vom 29. September 1938 musste die Tschechoslowakei ihr gesamtes Grenzgebiet zum Deutschen Reich mit mehrheitlich deutschsprachiger Bev&ouml;lkerung (Sudetenland) an dieses abtreten. Ungarn sowie Polen durften &auml;hnliche Forderungen stellen, was sie auch taten. In den besetzten Gebieten fanden zun&auml;chst Vertreibungen und Morde an Tschechen sowie Massenmorde und Verschleppungen von tschechischen Juden und Sinti beziehungsweise Roma statt. Die darauf folgenden Vergeltungsaktionen, wie zum Beispiel Sabotageakte tschechischer Widerstandsk&auml;mpfer, f&uuml;hrten erneut zu grausamen Aktionen durch die Wehrmacht und die SS.<\/p>\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Pr&auml;sident Edvard Bene&#353; legte am 5. Oktober 1938 sein Amt nieder und emigrierte nach London. Am 2. November verlor die Slowakei durch den Ersten Wiener Schiedsspruch etwa ein Drittel des Staatsgebietes an Ungarn. Am 14. M&auml;rz 1939 stimmte das slowakische Parlament einstimmig f&uuml;r die Selbstst&auml;ndigkeit. Einen Tag sp&auml;ter, am 15. M&auml;rz 1939, besetzte die Wehrmacht die sogenannte Rest-Tschechei. Dieses Gebiet wurde zum Reichsprotektorat erkl&auml;rt. Gleichzeitig besetzte Ungarn die Karpatenukraine.<\/p> \r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das 1939 entstandene Protektorat B&ouml;hmen und M&auml;hren umfasste die &uuml;berwiegend von Tschechen bewohnten Teile B&ouml;hmens und M&auml;hrens. Da das Protektorat intensiv f&uuml;r die deutsche Kriegsr&uuml;stung genutzt wurde, fanden hier weniger Massenmordaktionen statt als in anderen besetzten L&auml;ndern &ouml;stlich von Deutschland. Von den rund 120.000 Juden der b&ouml;hmischen L&auml;nder ermordeten die Nationalsozialisten rund 78.000. Weiterhin fanden Verschleppungen in das Konzentrationslager Theresienstadt \/ Terez&#237;n und in andere Arbeitslager au&#223;erhalb des Protektorats statt. Zudem wurden etwa 8000 Tschechen ermordet, davon etwa 1700 w&auml;hrend der Terrorwelle nach dem Heydrich-Attentat (1942). Die genauen Opferzahlen der NS-Herrschaft in der Tschechoslowakei sind bis heute nicht gekl&auml;rt: die Forschung rechnet mit 330.000 bis 360.000 Opfern, darunter rund 270.000 Juden. Nach dem t&ouml;dlichen Attentat auf den stellvertretenden Reichsprotektor Reinhard Heydrich machten die Nationalsozialisten am 10. Juni 1942 das Dorf Lidice und den Weiler Le&#382;&#225;ky dem Erdboden gleich. Die Slowakei dagegen entging bis auf einen kleinen Streifen entlang M&auml;hrens der Besetzung durch deutsche Truppen, musste aber in der Folge mit Deutschland einen &#8222;Schutzvertrag&#8220; abschlie&#223;en. Die j&uuml;dischen Slowaken wurden aber in Arbeitslager ins Ausland verschleppt.<\/p> \r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In London gr&uuml;ndete Bene&#353; 1940 die Tschechoslowakische Exilregierung, deren Pr&auml;sident er selbst wart. Gro&#223;britannien, sp&auml;ter auch die USA und die Sowjetunion erkannten die Exilregierung an. Mit diesen Partnern vereinbarte Bene&#353; noch w&auml;hrend des Krieges die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei. Nach dem Ende des Krieges konnte die Tschechoslowakei nahezu in ihren Grenzen von 1937 wiederhergestellt werden. Die Karpato-Ukraine war bis 1946 wieder formal Teil des Staates, wurde 1946 bis auf den Ort Lek&#225;rovce vertraglich an die Sowjetunion abgetreten und Teil der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik.<\/p> \r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Zuge der sogenannten wilden Vertreibungen kam es im Fr&uuml;hjahr 1945 zu sowohl geplanten als auch spontanen Aussiedlungen von etwa 800.000 Deutschen &uuml;ber die Grenzen nach &Ouml;sterreich und Deutschland. Die Potsdamer Konferenz vom 25. Juni bis 2. August 1945 legte die Aussiedlung der Deutschen fest. Zwischen dem Februar und 24. Oktober 1946 erfolgte deren Zwangsaussiedlung mit der Bahn. Insgesamt waren etwa 2,9 Millionen Deutsche betroffen, deren Verm&ouml;gen vollst&auml;ndig konfisziert worden war. Die in &Ouml;sterreich befindlichen Sudetendeutschen kamen zum Gro&#223;teil nach Deutschland. Urspr&uuml;nglich war auch die Vertreibung der ungarischen Minderheit aus der S&uuml;dslowakei geplant, wozu es aber nicht kam.<\/p>\r\n\r\n\r\n<p class=\"quelle\">Literatur:<br\/>\r\nFriedrich Prinz: <i>B&ouml;hmen und M&auml;hren. Deutsche Geschichte im Osten Europas<\/i> 2. Aufl. Berlin, Siedler 1993<br>\r\nWalter Koschmal, Marek Nekula, Joachim Rogall (Hrsg.): <i>Deutsche und Tschechen. Geschichte \u2013 Kultur \u2013 Politik.<\/i> Becksche Reihe. Nr. 1414. 2. durchgesehene Auflage. M&uuml;nchen, C.H. Beck 2003,<br>\r\nJ&ouml;rg K. Hoensch: <i>Geschichte B&ouml;hmens. Von der slavischen Landnahme bis zur Gegenwart.<\/i> Becks historische Bibliothek. 4. Aufl. M&uuml;nchen, C. H. Beck 2013<br>\r\nJoachim Bahlcke: <i>Geschichte Tschechiens: Vom Mittelalter bis zur Gegenwart.<\/i> M&uuml;nchen, C.H. Beck  2014<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Berlin, den 27. November 2022.<br>Andreas R&ouml;sler<\/em><br><br>\r\n<em>Kontakt&nbsp;&nbsp;<a href=\"mailto:a.s.roesler@web.de\"><img decoding=\"async\" src=\"wp-content\/pic\/mail.png\" border=\"0\" alt=\"E-Mail\" title=\"E-Mail\"><\/a><\/em>   <\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n<a href=\"#top\">\r\n<img decoding=\"async\" src=\"wp-content\/pic\/topblue5.gif\" alt=\"nach oben\" \/>\r\n<\/a>\r\n<hr>\r\n\r\n<p><a href=\"?p=7409\">Zur&uuml;ck zu Forschungsstelle Sudetenland<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Name leitet sich von dem keltischen Stamm der Boier ab. Um 550 wanderten Slawen von Osten her nach B&ouml;hmen ein. Karl der Gro&#223;e versuchte, B&ouml;hmen zu erobern, letztlich vergeblich. Allerdings verpflichtete sich ab 806 das Land zu Tributzahlungen. Ab den 870er Jahren dominierte das Gro&#223;m&auml;hrische Reich den b&ouml;hmischen Raum. 890 lie&#223; sich der M&auml;hrerf&uuml;rst <a href=\"https:\/\/agoff.de\/?p=105059\" class=\"more-link\">\u2026\u00a0<span class=\"screen-reader-text\">  Forschungsstelle Sudetenland &#8211; Forschungsregion B\u00f6hmen<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[88,2889],"tags":[1700],"class_list":["post-105059","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-fst-sudetenland","category-region-boehmen","tag-boehmen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/agoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/105059","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/agoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/agoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/agoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/agoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=105059"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/agoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/105059\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":105535,"href":"https:\/\/agoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/105059\/revisions\/105535"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/agoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=105059"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/agoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=105059"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/agoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=105059"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}