{"id":87517,"date":"2017-03-28T19:39:18","date_gmt":"2017-03-28T17:39:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.agoff.de\/?p=87517"},"modified":"2017-03-28T19:39:18","modified_gmt":"2017-03-28T17:39:18","slug":"moritz-hermann-graf-strachwitz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/agoff.de\/?p=87517","title":{"rendered":"Moritz Hermann Graf Strachwitz"},"content":{"rendered":"<h4>Der Dichter Moritz Graf Strachwitz auf unserem Gymnasium<\/h4>\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Stolz bewahrt unsere Heimatstadt das Ged&auml;chtnis eines Dichters, der einige Jahre in ihr gelebt, ihre Lateinschule besucht hat, des Striegauers Joh. Christian G&uuml;nther. Eine Tafel in der Aula, eine andere in der Promenade tr&auml;gt seinen Namen, sein Bild; eine Stra&#223;e ist nach ihm benannt. Und es ist recht, da&#223; man ihn ehrt: kommen doch bei ihm allein inmitten des Schwulstes der zweiten schlesischen Schule die reinen, herzentstiegenen T&ouml;ne des echten, wahren Dichters zum Klingen. Noch ein anderer Dichter ist in Schweidnitz\u2018 hohe Schule gegangen, verdankt ihr ma&#223;gebende Einfl&uuml;sse, ohne da&#223; die Erinnerung an ihn in Stadt oder Gymnasium irgendwie festgehalten wurde. Und doch, m&ouml;gen die meisten seiner lyrischen Gedichte mit Recht vergessen sein, einige von ihnen, namentlich solche, in den er seinen Schmerz &uuml;ber Deutschlands Erniedrigung, seine Sehnsucht nach des Vaterlandes Gr&ouml;&#223;e &auml;u&#223;ert, wirken auf uns noch heute, und mit seinen Balladen steht er in der vordersten Reihe der Dichter dieser Gattung, neben Fontane, mit dem er in Berlin verkehrt hat, ein Artgenosse M&uuml;nchhausens, ihm ebenb&uuml;rtig an seinem Gef&uuml;hl f&uuml;r Wortwahl und Rhythmus, ihm &uuml;berlegen an innerem Gehalt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur ein kurzes Leben war Strachwitz beschieden. Um so wichtiger ist in seinem Entwicklungsgang die Zeit, die er auf unserem Gymnasium verlebte. Gl&uuml;cklicherweise sind wir gerade &uuml;ber sie recht genau unterrichtet; denn das Lebensbild, das der Gesamtausgabe seiner Gedichte vorangeht, ist von einem fr&uuml;heren Mitsch&uuml;ler verfa&#223;t. Erg&auml;nzt wird es durch den Lebenslauf, den der Primaner seiner Meldung zur Reifepr&uuml;fung beif&uuml;gte, und der sich noch in unserem Schularchiv befindet. Ein solches Schriftst&uuml;ck bedeutet in jener Zeit, die uns so behaglich, so besinnlich erscheint, noch etwas anderes als heute. Heute pflegt es nur eine kurze Aufz&auml;hlung der wichtigsten Lebensdaten zu enthalten, damals stelle es einen ausf&uuml;hrlichen Rechenschaftsbericht &uuml;ber den Entwicklungsgang des Pr&uuml;flings dar.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Moritz Hermann Graf Strachwitz wurde am 13. M&auml;rz 1822 in Frankenstein geboren und verlebte seine Kindheit auf dem v&auml;terlichen Schlosse im nahen Peterwitz. Von 1834 an besuchte er das Glatzer Gymnasium. Nach dem Tode seiner Mutter bem&auml;chtigte sich seiner, wie er es ausdr&uuml;ckt, eine tr&auml;ge Schw&auml;rmerei, die seinen Vater veranla&#223;te, ihn 1838 von Glatz fortzunehmen und ihn der Ober-Sekunda des Schweidnitzer Gymnasiums zu &uuml;bergeben. Er wurde der Aufsicht eines Lehrers anvertraut, unter dessen Leitung nach seinen Worten sein Hang zur sch&ouml;nen Literatur Befriedigung und Regelung fand. F&uuml;r seine Entwicklung besonders wichtig aber wurden seine Primanerjahre, namentlich durch die Pers&ouml;nlichkeit eines Lehrers, der Latein, Griechisch und Deutsch in seiner Hand vereinte, des Rektors Dr. Julius Held, von dem auch Strachwitz mit gro&#223;er Verehrung spricht. Die Begeisterung, die Held f&uuml;r die gro&#223;en Dichter erf&uuml;llte, verstand er auch seinen Sch&uuml;lern mitzuteilen; bei aller Strenge brachte er einen frischen Zug in seine Klasse, so da&#223; die Primaner gern von akademischer Lust sprachen. Fesselnd sind unseres jungen Dichters Urteile &uuml;ber die Schriftsteller, die ihm der Unterricht nahebrachte. Besonderen Genu&#223; bereiteten  ihm Homer und Sophokles, w&auml;hrend ihm Plato in einer gewissen Entfernung blieb. Von den R&ouml;mern sch&auml;tzte er namentlich Livius und Sallust; an Ovid r&uuml;hmt er die Lebendigkeit, gesteht dagegen, da&#223; er an dem Eklektizismus des Horaz niemals Gefallen fand. Als seine Lieblingsdichter aus den anderen Literaturen nennt er Ossian, Ariost, Shakespeare und Goethe. Mit der Mathematik konnte er sich nicht befreunden; noch in dem Sonett &#8222;Ihr, die ihr schwatzt von Winkeln, Polygonen und regelrechten Parallelogrammen&#8223; macht er seinem Unmut gegen diese Wissenschaft Luft. Auch au&#223;erhalb der Unterrichtsstunden war Held bem&uuml;ht, seine Sch&uuml;ler zu f&ouml;rdern. Er gr&uuml;ndete f&uuml;r seine Primaner eine Bibliothek; er veranstaltete mit ihnen in den Wintern musikalisch-deklamatorische Abendunterhaltungen, zu denen Eltern und Freunde der Sch&uuml;ler eingeladen wurden. Am meisten bewundert als Deklamateur war Strachwitz, der namentlich Balladen mit dramatischer Lebendigkeit vortrug, ohne dabei von seinem nerv&ouml;sen Stotter&uuml;bel etwas merken zu lassen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber auch seinen Mitsch&uuml;lern verdankt er manche Anregung und F&ouml;rderung, war doch damals in der Prima ein Kreis von strebenden und begabten J&uuml;nglingen versammelt. Da war Ernst Jungnitz, der Stiefbruder des Dichters Friedrich von Sallet, der Strachwitz mit der Percychen Sammlung altenglischer Balladen bekannt machte, dem Vorbild aller Dichtungen dieser Gattung. Leider ist Jungnitz zu fr&uuml;h (1848) verstorben, als da&#223; er die gro&#223;en geschichtlichen Werke, die er in Angriff genommen hatte, h&auml;tte vollenden k&ouml;nnen. Durch Vermittlung dieses Mitsch&uuml;lers kam ein Heftchen Strachwitzer Gedichte auch in die H&auml;nde Ludwig Tiecks, der es dem jungen Dichter mit anerkennenden und aufmunternden Worten zur&uuml;cksandte. Nahe stand ihm auch sein sp&auml;terer Biograph , Karl Weinhold, der als ordentlicher Professor der Germanistik in Kiel, Breslau und Berlin eine stattliche Reihe wertvoller B&uuml;cher &uuml;ber deutsche Sprache, Kultur- und Literaturgeschichte verfa&#223;t hat. Endlich geh&ouml;rte zu diesem Kreise auch Sigismund (Paulus) Cassel, der sich sp&auml;ter als Prediger an der Berliner Christuskirche und durch zahlreiche Schriften und Vortr&auml;ge einen Namen gemacht hat.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch au&#223;erhalb der Schule schlossen sich die jungen Leute in Freundschaftszirkeln zu regem Gedankenaustausch zusammen. Die Breslauer studentischen Korporationen waren damals bem&uuml;ht, Verbindung mit den Gymnasien der Provinz aufrecht zu erhalten. So war die Schweidnitzer Schule ein Werbeplatz f&uuml;r die Burschenschaft der Raczeks, und die Primaner teilten mit ihren &auml;lteren Kommilitonen die deutscht&uuml;melnde Freiheitsschw&auml;rmerei, die freilich unklar und verschwommen war wie die politische Bildung der ganzen Zeit. Auf diese T&ouml;ne waren auch viele Jugendgedichte Strachwitz gestimmt; denn eine reiche dichterische T&auml;tigkeit entfaltete er schon damals, gedichtet wurde &uuml;berhaupt von den Sch&uuml;lern in reichem Ma&#223;e. Im Sommer 1840 richtete er ein poetisches Kr&auml;nzchen ein, das sich an den freien Mittwoch-Nachmittagen auf seiner Stube versammelte. Die jungen Leute lasen sich ihre neuesten Erzeugnisse vor und beurteilten sie bis zum n&auml;chsten Male schriftlich. Im Gegensatz zu seinen Freunden nahm unser junger Dichter schon damals sein k&uuml;nstlerisches Schaffen ernst. Er sammelte die Kinder seiner Muse gern in Hefte, die er verschenkte. So erhielt sein Vater von ihm als Geburtstagsgeschenk eine Sammlung &#8222;Knospen&#8223;, Jungnitz einen Romanzenkranz, Weinhold Gepanzerte Sonette, daneben wissen wir von einer gr&ouml;&#223;eren Sammlung, die er &#8222;Versuche&#8223; betitelte. Ma&#223;gebend f&uuml;r seinen dichterischen Entwickelungsgang wurde neben der schon erw&auml;hnten englischen Balladensammlung des Bischofs Percy die Ber&uuml;hrung mit der altnordischen Sagenwelt, der Wilkina- und W&ouml;lsungasage, die ihm sein Vater in deutscher &Uuml;bertragung schenkte. Uhland und Eichendorff, Platen und Heine, Gr&uuml;n und Lenau, R&uuml;ckert und Herwegh, von den Engl&auml;ndern Byron und Shelley wurden eifrig gelesen und nachgeahmt.\r\nSo standen die beiden Sterne Vaterland und Kunst &uuml;ber dem Leben der jungen Schar. Ostern 41 legte Strachwitz die Reifpr&uuml;fung ab, seine Beziehungen zum Schweidnitzer Gymnasium erreichten damit ihr Ende.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Er ging nach Breslau, um Jura zu studieren, verkehrte hier in den Kreisen des schlesischen Adels und ver&ouml;ffentlichte 42 die &#8222;Lieder eines Erwachenden&#8223;, von denen die meisten noch in der Schweidnitzer Zeit entstanden sind. Im Herbst desselben Jahres vertauschte er Breslau mit Berlin, fand hier Zutritt zu der ber&uuml;hmten literarischen Vereinigung &#8222;Tunnel &uuml;ber der Spree&#8223;, freilich auch zu den Kreisen der jungen Lebewelt, die ihn veranla&#223;ten, weit &uuml;ber seine Verh&auml;ltnisse zu leben. Um sich f&uuml;rs Examen vorzubereiten, zog er sich nach Grottkau zur&uuml;ck und nahm 44 nach bestandener Auskultatorenpr&uuml;fung, ohne in den Staatsdienst zu treten, seinen Wohnsitz in Schweidnitz, weilte aber viel im Peterwitzer Schlosse. 45 unternahm er eine Nordlandreise, 47 ordnete er seine &#8222;Neuen Gedichte&#8223; zum Druck und reiste dann nach Venedig. Krank an Seele und Leib trat er die Heimreise an und starb in Wien am 11. Dezember 1847 an Typhus. Er ruht auf dem W&auml;hringer Kirchhof bei Wien; ein Stein mit einer Lyra bzeichnet die Stelle, wo sein sterbliches Teil bestattet ist. Der Dichter Strachwitz aber lebt fort in seinen sch&ouml;nsten Gedichten, etwa dem &#8222;Reiterlied&#8223;, &#8222;Germania&#8223;, und den Meisterballaden &#8222;Das Herz von Douglas&#8223;, &#8222;Pharao&#8223;, &#8222;Die Jagd des Moguls&#8223;, &#8222;Hie Welf&#8223;.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Dr. Tschischwitz<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p class=\"quelle\">Quelle:<br>\r\n<li>Nachrichtenblatt der Schulgemeinde des Schweidnitzer Gymnasiums, Nr. 4 \u2013 1924\/25 \u2013 Schweidnitz, im Januar 1925 \u2013 1. Jahrgang<\/li><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<a href=\"#top\">\r\n<img decoding=\"async\" src=\"wp-content\/pic\/topblue5.gif\" alt=\"nach oben\" \/>\r\n<\/a>\r\n\r\n<p><a href=\"?p=86187\">Zur&uuml;ck zu: Das Schweidnitzer Gymnasialblatt als genealogische Quelle<\/a><\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Dichter Moritz Graf Strachwitz auf unserem Gymnasium Stolz bewahrt unsere Heimatstadt das Ged&auml;chtnis eines Dichters, der einige Jahre in ihr gelebt, ihre Lateinschule besucht hat, des Striegauers Joh. Christian G&uuml;nther. Eine Tafel in der Aula, eine andere in der Promenade tr&auml;gt seinen Namen, sein Bild; eine Stra&#223;e ist nach ihm benannt. 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