{"id":87520,"date":"2017-03-28T19:47:48","date_gmt":"2017-03-28T17:47:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.agoff.de\/?p=87520"},"modified":"2017-03-28T19:50:11","modified_gmt":"2017-03-28T17:50:11","slug":"prof-dr-benno-tschischwitz-1828-1890","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/agoff.de\/?p=87520","title":{"rendered":"Prof. Dr. Benno Tschischwitz (1828 &#8211; 1890)"},"content":{"rendered":"<h4>Einem Hundertj&auml;hrigen zum Ged&auml;chtnis<\/h4>\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 11. Februar stand ich drau&#223;en vor den Toren von Schweidnitz am Grab meines Vaters, um dort an seinem hundertsten Geburtstag seiner zu gedenken. Wenn ich es wage, hier in kurzen Z&uuml;gen sein Leben und Schaffen zu umrei&#223;en, so hat das seine guten Gr&uuml;nde. Auch mein Vater ist ja durch unser Gymnasium hindurchgegangen und hat sich stets voller Stolz und Dankbarkeit als sein ehemaliger Sch&uuml;ler gef&uuml;hlt, vielleicht gerade um so mehr, als er sich die Zugeh&ouml;rigkeit zur h&ouml;heren Schule schwer erk&auml;mpft und als sie dem armen, fr&uuml;h verwaisten Knaben Licht und W&auml;rme gespendet hat. Denn als er 1840 in die Sexta eintrat, hatte er seinen Vater, der von Beruf Wundarzt war schon verloren; die Mutter lebte in d&uuml;rftigen Verh&auml;ltnissen. Armut veranla&#223;te sie auch, ihren Sohn 1842 zum Onkel Zimmermeister nach W&uuml;stenwaltersdorf zu geben, damit er dort das Handwerk erlernte. Aber schon f&uuml;r den Vierzehnj&auml;hrigen bedeuteten B&uuml;cher alles; er hielt es als Lehrling nicht aus, kehrte heimlich zur&uuml;ck und erreichte es, da&#223; er weiter auf das Gymnasium gehen durfte. Nachdem er Ostern 1849 sein Abitur bestanden hatte, studierte von 1849 bis 1852 in Halle Philologie, vor allem Sprachen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Lehrer wirkte er zun&auml;chst an den Frankeschen Stiftungen in Halle, sp&auml;ter an privaten Schulen in Bremen und dann wieder in Halle. Immer mehr traten f&uuml;r ihn die neueren Sprachen in den Vordergrund, vor allem die Sprache Englands, das er von der Hansestadt aus mehrfach besuchte. Hier in Bremen ver&ouml;ffentlichte er auch einen Band Gedichte, die &#8222;Lieder eines Verbannten&#8223;, und wurde Mitglied der &#8222;Duntziana&#8223;, in der sich seit Jahren j&uuml;ngere Schriftsteller zusammenfanden. In diesem Kreise trat er auch dem Marschendichter Hermann Allmers nahe, von dessen Liedern wohl &#8222;Dort Saaleck, hier die Rudelsburg&#8223; am bekanntesten geworden ist. Von der Freundschaft, die die beiden M&auml;nner miteinander verband, k&uuml;ndet ein Sonett, in dem Allmers seinem Freunde aus tiefem Herzen dankt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber &uuml;ber die Dichtkunst siegte bald die Wissenschaft, die Anglistik, namentlich, nachdem mein Vater wieder in seine Universit&auml;tsstadt zur&uuml;ckgekehrt war. 1857 promovierte er in Halle zum Dr. phil., 1871 habilitierte er sich ebenda als Privatdozent f&uuml;r englische Philologie. Schon damals hatte ihn der Dichter in seinen Bann gezogen, dem er den weitaus gr&ouml;&#223;ten Teil seiner Forschert&auml;tigkeit gewidmet hat, Shakespeare. Jener Fr&uuml;hzeit verdanken seine wissenschaftlich bedeutsamen Werke ihr Entstehen; in rascher Folge erschienen &#8222;Shakespeares Hamlet, nach historischen Gesichtspunkten erl&auml;utert&#8223;, &#8222;Nachkl&auml;nge germanischer Mythe in den Werken Shakespeare&#8223;, &#8222;Shakespeares Staat und K&ouml;nigstum&#8223;. Namentlich die beiden letztgenannten Schriften wurden noch in meiner Studentenzeit in den Vorlesungen mit Achtung genannt. Zeigt die eine, wie tief der gro&#223;e englische Dramatiker im germanischen Volksglauben verwurzelt ist, so arbeitet die andere seine Gedanken &uuml;ber das Staatswohl heraus. Gemeinsam mit Professor Gosche gab er Shakespeares dramatische Werke nach der &Uuml;bersetzung von Schlegel und Tieck heraus; weiterhin &uuml;bersetzte er die Sonette dieses Dichters und sein Epos &#8222;Venus und Adonis&#8223;. Die Jahre um 1870 herum waren f&uuml;r die wissenschaftliche Arbeit meines Vaters gewi&#223; die ertragreichsten. Und gleichzeitig trat er auch wieder als Dichter hervor, diesmal als Dramatiker. Er ver&ouml;ffentlichte zwei Trag&ouml;dien &#8222;Pizarros Tod&#8223; und &#8222;Agnes von Meran&#8223;. Wenn auch uns Heutigen diese Epigonwerke nichts mehr zu sagen haben, so fand doch mindestens das zweite von ihnen zu seiner Zeit Beifall und wurde u.a. an den Stadttheatern von Leipzig und Halle aufgef&uuml;hrt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der sch&ouml;nste &auml;u&#223;ere Erfolg der wissenschaftlichen Arbeit meines Vaters war seine 1874 erfolgte Berufung nach Z&uuml;rich als ordentlicher Professor f&uuml;r englische Sprache und Literatur. Das Ziel seines Lebens schien erreicht. Jetzt trat ein zweiter englischer Dichter f&uuml;r ihn in den Vordergrund. Nachdem er sich schon an einzelnen Werken Shakespeares als &Uuml;bersetzer versucht hatte, &uuml;bertrug er jetzt in zw&ouml;lf B&auml;nden die besten Romane von Walter Scotts. In jener Zeit beherrschte der geschichtliche Roman uneingeschr&auml;nkt die Lesewelt; die Erz&auml;hlungen des bedeutendsten Vertreters dieser Dichtungsart gewannen in jener &Uuml;bertragung auch in Deutschland gro&#223;e Verbreitung. Aber schon nach zwei Jahren fand das Wirken meines Vaters in Z&uuml;rich ein unerwartetes und j&auml;hes Ende. Er, der ein unbedingter, gl&uuml;hender Verehrer Bismarcks war, erhielt durch einen Zufall Kenntnis von dem Plane, von der Schweiz aus Deutschland mit einer Flugschrift &#8222;Pro nihilo&#8223; zu &uuml;berschwemmen, die wohl von Bismarcks erbittertem Feinde, dem fr&uuml;heren Botschafter Arnim, stammte und schwere Angriffe gegen den Kanzler enthielt. Er meldete dies nach Berlin, der Plan Arnims wurde vereitelt, aber meinen Vater kostete sein Eingreifen das Amt. Der deutschfeindlich oder bismarckfeindlich eingestellte Teil der Z&uuml;richer Studenten- und Arbeiterschaft machte ihm ein weiteres Wirken an der Hochschule unm&ouml;glich. Mittellos kehrte er nach Deutschland zur&uuml;ck.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Lehrstuhl f&uuml;r englische Philologie bot sich ihm nicht, und so war er froh, als ihm die preu&#223;ische Regierung 1877 eine Anstellung als Oberlehrer am Gymnasium in Celle anbot. Wohl mit Absicht entsandte man ihn gerade in diese Stadt, die nach dem Kriege von 1866 und seinem f&uuml;r Hannover ungl&uuml;cklichen Ende eine Hochburg des Welfentums geworden war. Der Wichtigkeit der Aufgabe, die Kluft zwischen den deutschen St&auml;mmen zu &uuml;berbr&uuml;cken, war er sich wohl bewu&#223;t und arbeitete an seinem bescheidenen Teile mit daran, die Stimmung zu entspannen. Freudig stellte er seine geselligen, dichterischen und wissenschaftlichen Gaben in den Dienst dieser Idee. Hier schlo&#223; er auch eine zweite Ehe, die ihm ein stilles Gl&uuml;ck bescherte. Aber auch diesmal war ihm nur eine verh&auml;ltnism&auml;&#223;ig kurze Spanne ungetr&uuml;bten Wohlbefindens beschert. Er, der schon fr&uuml;her stark kurzsichtig gewesen war, verlor durch einen Unfall ein Auge, und nun wurde das andere, erhaltene Auge so &uuml;beranstrengt, da&#223; er allm&auml;hlich v&ouml;llig erblindete. So mu&#223;te er schon 1886 aus dem Amte scheiden.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Altersitz w&auml;hlte er sich sein liebes Schweidnitz, das f&uuml;r ihn voller Kindheitserinnerungen war, und hier starb er am 8. Dezember 1890. Gewi&#223;, sein Lebensweg hat ihn oft durch Tr&uuml;bsal gef&uuml;hrt; in seiner Jugend waren Entbehrungen, in den Mannesjahren mancherlei Entt&auml;uschungen, im Alter Gebrechen sein Los. Aber ein nie versagender Humor half ihm das alles leichter tragen, und sein Gl&uuml;ck fand er im Dienste des Vaterlandes und der Wissenschaft.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Tschischwitz<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p class=\"quelle\">Quelle:<br>\r\n<li>Nachrichtenblatt der Schulgemeinde des Schweidnitzer Gymnasiums Nr. 1 \u2013 1928 \/ Schweidnitz, im April 1928 \/ 5. Jahrgang<\/li><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<a href=\"#top\">\r\n<img decoding=\"async\" src=\"wp-content\/pic\/topblue5.gif\" alt=\"nach oben\" \/>\r\n<\/a>\r\n\r\n<p><a href=\"?p=86187\">Zur&uuml;ck zu: Das Schweidnitzer Gymnasialblatt als genealogische Quelle<\/a><\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einem Hundertj&auml;hrigen zum Ged&auml;chtnis Am 11. Februar stand ich drau&#223;en vor den Toren von Schweidnitz am Grab meines Vaters, um dort an seinem hundertsten Geburtstag seiner zu gedenken. 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