Moritz Hermann Graf Strachwitz

Der Dichter Moritz Graf Strachwitz auf unserem Gymnasium

Stolz bewahrt unsere Heimatstadt das Gedächtnis eines Dichters, der einige Jahre in ihr gelebt, ihre Lateinschule besucht hat, des Striegauers Joh. Christian Günther. Eine Tafel in der Aula, eine andere in der Promenade trägt seinen Namen, sein Bild; eine Straße ist nach ihm benannt. Und es ist recht, daß man ihn ehrt: kommen doch bei ihm allein inmitten des Schwulstes der zweiten schlesischen Schule die reinen, herzentstiegenen Töne des echten, wahren Dichters zum Klingen. Noch ein anderer Dichter ist in Schweidnitz‘ hohe Schule gegangen, verdankt ihr maßgebende Einflüsse, ohne daß die Erinnerung an ihn in Stadt oder Gymnasium irgendwie festgehalten wurde. Und doch, mögen die meisten seiner lyrischen Gedichte mit Recht vergessen sein, einige von ihnen, namentlich solche, in den er seinen Schmerz über Deutschlands Erniedrigung, seine Sehnsucht nach des Vaterlandes Größe äußert, wirken auf uns noch heute, und mit seinen Balladen steht er in der vordersten Reihe der Dichter dieser Gattung, neben Fontane, mit dem er in Berlin verkehrt hat, ein Artgenosse Münchhausens, ihm ebenbürtig an seinem Gefühl für Wortwahl und Rhythmus, ihm überlegen an innerem Gehalt.

Nur ein kurzes Leben war Strachwitz beschieden. Um so wichtiger ist in seinem Entwicklungsgang die Zeit, die er auf unserem Gymnasium verlebte. Glücklicherweise sind wir gerade über sie recht genau unterrichtet; denn das Lebensbild, das der Gesamtausgabe seiner Gedichte vorangeht, ist von einem früheren Mitschüler verfaßt. Ergänzt wird es durch den Lebenslauf, den der Primaner seiner Meldung zur Reifeprüfung beifügte, und der sich noch in unserem Schularchiv befindet. Ein solches Schriftstück bedeutet in jener Zeit, die uns so behaglich, so besinnlich erscheint, noch etwas anderes als heute. Heute pflegt es nur eine kurze Aufzählung der wichtigsten Lebensdaten zu enthalten, damals stelle es einen ausführlichen Rechenschaftsbericht über den Entwicklungsgang des Prüflings dar.

Moritz Hermann Graf Strachwitz wurde am 13. März 1822 in Frankenstein geboren und verlebte seine Kindheit auf dem väterlichen Schlosse im nahen Peterwitz. Von 1834 an besuchte er das Glatzer Gymnasium. Nach dem Tode seiner Mutter bemächtigte sich seiner, wie er es ausdrückt, eine träge Schwärmerei, die seinen Vater veranlaßte, ihn 1838 von Glatz fortzunehmen und ihn der Ober-Sekunda des Schweidnitzer Gymnasiums zu übergeben. Er wurde der Aufsicht eines Lehrers anvertraut, unter dessen Leitung nach seinen Worten sein Hang zur schönen Literatur Befriedigung und Regelung fand. Für seine Entwicklung besonders wichtig aber wurden seine Primanerjahre, namentlich durch die Persönlichkeit eines Lehrers, der Latein, Griechisch und Deutsch in seiner Hand vereinte, des Rektors Dr. Julius Held, von dem auch Strachwitz mit großer Verehrung spricht. Die Begeisterung, die Held für die großen Dichter erfüllte, verstand er auch seinen Schülern mitzuteilen; bei aller Strenge brachte er einen frischen Zug in seine Klasse, so daß die Primaner gern von akademischer Lust sprachen. Fesselnd sind unseres jungen Dichters Urteile über die Schriftsteller, die ihm der Unterricht nahebrachte. Besonderen Genuß bereiteten ihm Homer und Sophokles, während ihm Plato in einer gewissen Entfernung blieb. Von den Römern schätzte er namentlich Livius und Sallust; an Ovid rühmt er die Lebendigkeit, gesteht dagegen, daß er an dem Eklektizismus des Horaz niemals Gefallen fand. Als seine Lieblingsdichter aus den anderen Literaturen nennt er Ossian, Ariost, Shakespeare und Goethe. Mit der Mathematik konnte er sich nicht befreunden; noch in dem Sonett „Ihr, die ihr schwatzt von Winkeln, Polygonen und regelrechten Parallelogrammen‟ macht er seinem Unmut gegen diese Wissenschaft Luft. Auch außerhalb der Unterrichtsstunden war Held bemüht, seine Schüler zu fördern. Er gründete für seine Primaner eine Bibliothek; er veranstaltete mit ihnen in den Wintern musikalisch-deklamatorische Abendunterhaltungen, zu denen Eltern und Freunde der Schüler eingeladen wurden. Am meisten bewundert als Deklamateur war Strachwitz, der namentlich Balladen mit dramatischer Lebendigkeit vortrug, ohne dabei von seinem nervösen Stotterübel etwas merken zu lassen.

Aber auch seinen Mitschülern verdankt er manche Anregung und Förderung, war doch damals in der Prima ein Kreis von strebenden und begabten Jünglingen versammelt. Da war Ernst Jungnitz, der Stiefbruder des Dichters Friedrich von Sallet, der Strachwitz mit der Percychen Sammlung altenglischer Balladen bekannt machte, dem Vorbild aller Dichtungen dieser Gattung. Leider ist Jungnitz zu früh (1848) verstorben, als daß er die großen geschichtlichen Werke, die er in Angriff genommen hatte, hätte vollenden können. Durch Vermittlung dieses Mitschülers kam ein Heftchen Strachwitzer Gedichte auch in die Hände Ludwig Tiecks, der es dem jungen Dichter mit anerkennenden und aufmunternden Worten zurücksandte. Nahe stand ihm auch sein späterer Biograph , Karl Weinhold, der als ordentlicher Professor der Germanistik in Kiel, Breslau und Berlin eine stattliche Reihe wertvoller Bücher über deutsche Sprache, Kultur- und Literaturgeschichte verfaßt hat. Endlich gehörte zu diesem Kreise auch Sigismund (Paulus) Cassel, der sich später als Prediger an der Berliner Christuskirche und durch zahlreiche Schriften und Vorträge einen Namen gemacht hat.

Auch außerhalb der Schule schlossen sich die jungen Leute in Freundschaftszirkeln zu regem Gedankenaustausch zusammen. Die Breslauer studentischen Korporationen waren damals bemüht, Verbindung mit den Gymnasien der Provinz aufrecht zu erhalten. So war die Schweidnitzer Schule ein Werbeplatz für die Burschenschaft der Raczeks, und die Primaner teilten mit ihren älteren Kommilitonen die deutschtümelnde Freiheitsschwärmerei, die freilich unklar und verschwommen war wie die politische Bildung der ganzen Zeit. Auf diese Töne waren auch viele Jugendgedichte Strachwitz gestimmt; denn eine reiche dichterische Tätigkeit entfaltete er schon damals, gedichtet wurde überhaupt von den Schülern in reichem Maße. Im Sommer 1840 richtete er ein poetisches Kränzchen ein, das sich an den freien Mittwoch-Nachmittagen auf seiner Stube versammelte. Die jungen Leute lasen sich ihre neuesten Erzeugnisse vor und beurteilten sie bis zum nächsten Male schriftlich. Im Gegensatz zu seinen Freunden nahm unser junger Dichter schon damals sein künstlerisches Schaffen ernst. Er sammelte die Kinder seiner Muse gern in Hefte, die er verschenkte. So erhielt sein Vater von ihm als Geburtstagsgeschenk eine Sammlung „Knospen‟, Jungnitz einen Romanzenkranz, Weinhold Gepanzerte Sonette, daneben wissen wir von einer größeren Sammlung, die er „Versuche‟ betitelte. Maßgebend für seinen dichterischen Entwickelungsgang wurde neben der schon erwähnten englischen Balladensammlung des Bischofs Percy die Berührung mit der altnordischen Sagenwelt, der Wilkina- und Wölsungasage, die ihm sein Vater in deutscher Übertragung schenkte. Uhland und Eichendorff, Platen und Heine, Grün und Lenau, Rückert und Herwegh, von den Engländern Byron und Shelley wurden eifrig gelesen und nachgeahmt. So standen die beiden Sterne Vaterland und Kunst über dem Leben der jungen Schar. Ostern 41 legte Strachwitz die Reifprüfung ab, seine Beziehungen zum Schweidnitzer Gymnasium erreichten damit ihr Ende.

Er ging nach Breslau, um Jura zu studieren, verkehrte hier in den Kreisen des schlesischen Adels und veröffentlichte 42 die „Lieder eines Erwachenden‟, von denen die meisten noch in der Schweidnitzer Zeit entstanden sind. Im Herbst desselben Jahres vertauschte er Breslau mit Berlin, fand hier Zutritt zu der berühmten literarischen Vereinigung „Tunnel über der Spree‟, freilich auch zu den Kreisen der jungen Lebewelt, die ihn veranlaßten, weit über seine Verhältnisse zu leben. Um sich fürs Examen vorzubereiten, zog er sich nach Grottkau zurück und nahm 44 nach bestandener Auskultatorenprüfung, ohne in den Staatsdienst zu treten, seinen Wohnsitz in Schweidnitz, weilte aber viel im Peterwitzer Schlosse. 45 unternahm er eine Nordlandreise, 47 ordnete er seine „Neuen Gedichte‟ zum Druck und reiste dann nach Venedig. Krank an Seele und Leib trat er die Heimreise an und starb in Wien am 11. Dezember 1847 an Typhus. Er ruht auf dem Währinger Kirchhof bei Wien; ein Stein mit einer Lyra bzeichnet die Stelle, wo sein sterbliches Teil bestattet ist. Der Dichter Strachwitz aber lebt fort in seinen schönsten Gedichten, etwa dem „Reiterlied‟, „Germania‟, und den Meisterballaden „Das Herz von Douglas‟, „Pharao‟, „Die Jagd des Moguls‟, „Hie Welf‟.

Dr. Tschischwitz

 

Quelle:

  • Nachrichtenblatt der Schulgemeinde des Schweidnitzer Gymnasiums, Nr. 4 – 1924/25 – Schweidnitz, im Januar 1925 – 1. Jahrgang
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