Prof. Dr. Benno Tschischwitz (1828 – 1890)

Einem Hundertjährigen zum Gedächtnis

Am 11. Februar stand ich draußen vor den Toren von Schweidnitz am Grab meines Vaters, um dort an seinem hundertsten Geburtstag seiner zu gedenken. Wenn ich es wage, hier in kurzen Zügen sein Leben und Schaffen zu umreißen, so hat das seine guten Gründe. Auch mein Vater ist ja durch unser Gymnasium hindurchgegangen und hat sich stets voller Stolz und Dankbarkeit als sein ehemaliger Schüler gefühlt, vielleicht gerade um so mehr, als er sich die Zugehörigkeit zur höheren Schule schwer erkämpft und als sie dem armen, früh verwaisten Knaben Licht und Wärme gespendet hat. Denn als er 1840 in die Sexta eintrat, hatte er seinen Vater, der von Beruf Wundarzt war schon verloren; die Mutter lebte in dürftigen Verhältnissen. Armut veranlaßte sie auch, ihren Sohn 1842 zum Onkel Zimmermeister nach Wüstenwaltersdorf zu geben, damit er dort das Handwerk erlernte. Aber schon für den Vierzehnjährigen bedeuteten Bücher alles; er hielt es als Lehrling nicht aus, kehrte heimlich zurück und erreichte es, daß er weiter auf das Gymnasium gehen durfte. Nachdem er Ostern 1849 sein Abitur bestanden hatte, studierte von 1849 bis 1852 in Halle Philologie, vor allem Sprachen.

Als Lehrer wirkte er zunächst an den Frankeschen Stiftungen in Halle, später an privaten Schulen in Bremen und dann wieder in Halle. Immer mehr traten für ihn die neueren Sprachen in den Vordergrund, vor allem die Sprache Englands, das er von der Hansestadt aus mehrfach besuchte. Hier in Bremen veröffentlichte er auch einen Band Gedichte, die „Lieder eines Verbannten‟, und wurde Mitglied der „Duntziana‟, in der sich seit Jahren jüngere Schriftsteller zusammenfanden. In diesem Kreise trat er auch dem Marschendichter Hermann Allmers nahe, von dessen Liedern wohl „Dort Saaleck, hier die Rudelsburg‟ am bekanntesten geworden ist. Von der Freundschaft, die die beiden Männer miteinander verband, kündet ein Sonett, in dem Allmers seinem Freunde aus tiefem Herzen dankt.

Aber über die Dichtkunst siegte bald die Wissenschaft, die Anglistik, namentlich, nachdem mein Vater wieder in seine Universitätsstadt zurückgekehrt war. 1857 promovierte er in Halle zum Dr. phil., 1871 habilitierte er sich ebenda als Privatdozent für englische Philologie. Schon damals hatte ihn der Dichter in seinen Bann gezogen, dem er den weitaus größten Teil seiner Forschertätigkeit gewidmet hat, Shakespeare. Jener Frühzeit verdanken seine wissenschaftlich bedeutsamen Werke ihr Entstehen; in rascher Folge erschienen „Shakespeares Hamlet, nach historischen Gesichtspunkten erläutert‟, „Nachklänge germanischer Mythe in den Werken Shakespeare‟, „Shakespeares Staat und Königstum‟. Namentlich die beiden letztgenannten Schriften wurden noch in meiner Studentenzeit in den Vorlesungen mit Achtung genannt. Zeigt die eine, wie tief der große englische Dramatiker im germanischen Volksglauben verwurzelt ist, so arbeitet die andere seine Gedanken über das Staatswohl heraus. Gemeinsam mit Professor Gosche gab er Shakespeares dramatische Werke nach der Übersetzung von Schlegel und Tieck heraus; weiterhin übersetzte er die Sonette dieses Dichters und sein Epos „Venus und Adonis‟. Die Jahre um 1870 herum waren für die wissenschaftliche Arbeit meines Vaters gewiß die ertragreichsten. Und gleichzeitig trat er auch wieder als Dichter hervor, diesmal als Dramatiker. Er veröffentlichte zwei Tragödien „Pizarros Tod‟ und „Agnes von Meran‟. Wenn auch uns Heutigen diese Epigonwerke nichts mehr zu sagen haben, so fand doch mindestens das zweite von ihnen zu seiner Zeit Beifall und wurde u.a. an den Stadttheatern von Leipzig und Halle aufgeführt.

Der schönste äußere Erfolg der wissenschaftlichen Arbeit meines Vaters war seine 1874 erfolgte Berufung nach Zürich als ordentlicher Professor für englische Sprache und Literatur. Das Ziel seines Lebens schien erreicht. Jetzt trat ein zweiter englischer Dichter für ihn in den Vordergrund. Nachdem er sich schon an einzelnen Werken Shakespeares als Übersetzer versucht hatte, übertrug er jetzt in zwölf Bänden die besten Romane von Walter Scotts. In jener Zeit beherrschte der geschichtliche Roman uneingeschränkt die Lesewelt; die Erzählungen des bedeutendsten Vertreters dieser Dichtungsart gewannen in jener Übertragung auch in Deutschland große Verbreitung. Aber schon nach zwei Jahren fand das Wirken meines Vaters in Zürich ein unerwartetes und jähes Ende. Er, der ein unbedingter, glühender Verehrer Bismarcks war, erhielt durch einen Zufall Kenntnis von dem Plane, von der Schweiz aus Deutschland mit einer Flugschrift „Pro nihilo‟ zu überschwemmen, die wohl von Bismarcks erbittertem Feinde, dem früheren Botschafter Arnim, stammte und schwere Angriffe gegen den Kanzler enthielt. Er meldete dies nach Berlin, der Plan Arnims wurde vereitelt, aber meinen Vater kostete sein Eingreifen das Amt. Der deutschfeindlich oder bismarckfeindlich eingestellte Teil der Züricher Studenten- und Arbeiterschaft machte ihm ein weiteres Wirken an der Hochschule unmöglich. Mittellos kehrte er nach Deutschland zurück.

Ein Lehrstuhl für englische Philologie bot sich ihm nicht, und so war er froh, als ihm die preußische Regierung 1877 eine Anstellung als Oberlehrer am Gymnasium in Celle anbot. Wohl mit Absicht entsandte man ihn gerade in diese Stadt, die nach dem Kriege von 1866 und seinem für Hannover unglücklichen Ende eine Hochburg des Welfentums geworden war. Der Wichtigkeit der Aufgabe, die Kluft zwischen den deutschen Stämmen zu überbrücken, war er sich wohl bewußt und arbeitete an seinem bescheidenen Teile mit daran, die Stimmung zu entspannen. Freudig stellte er seine geselligen, dichterischen und wissenschaftlichen Gaben in den Dienst dieser Idee. Hier schloß er auch eine zweite Ehe, die ihm ein stilles Glück bescherte. Aber auch diesmal war ihm nur eine verhältnismäßig kurze Spanne ungetrübten Wohlbefindens beschert. Er, der schon früher stark kurzsichtig gewesen war, verlor durch einen Unfall ein Auge, und nun wurde das andere, erhaltene Auge so überanstrengt, daß er allmählich völlig erblindete. So mußte er schon 1886 aus dem Amte scheiden.

Als Altersitz wählte er sich sein liebes Schweidnitz, das für ihn voller Kindheitserinnerungen war, und hier starb er am 8. Dezember 1890. Gewiß, sein Lebensweg hat ihn oft durch Trübsal geführt; in seiner Jugend waren Entbehrungen, in den Mannesjahren mancherlei Enttäuschungen, im Alter Gebrechen sein Los. Aber ein nie versagender Humor half ihm das alles leichter tragen, und sein Glück fand er im Dienste des Vaterlandes und der Wissenschaft.

Tschischwitz

 

Quelle:

  • Nachrichtenblatt der Schulgemeinde des Schweidnitzer Gymnasiums Nr. 1 – 1928 / Schweidnitz, im April 1928 / 5. Jahrgang
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