Evangelisch-lutherische (altlutherische) Kirche

Nach der allgemeinen Vorstellung gab es im Posener Land die katholische Kirche und die evangelische Kirche; die eine für die Polen, die andere für die Deutschen. Dass es daneben auch eine lutherische Freikirche gab, war weniger bekannt. Die Entstehung dieser Kirche geht nicht zurück auf Luther oder andere Reformatoren, sondern auf die Kabinettsorder des preußischen Königs Friedrich Wilhelms III. von 1817. Um das zu verstehen, muss man auf den Ablauf der Reformation in Polen schauen und auf die politischen Entwicklungen. Durch die Teilungen Polens um 1800 kam das Posener Land, in etwa identisch mit dem alten Großpolen, unter preußische Herrschaft. Für die Evangelischen war das gut und brachte neue Entfaltungsmöglichkeiten.

Aber dann passierte etwas, was in der Absicht wohl gut war, in der praktischen Durchführung aber zu vielen Konflikten führte. Die Hohenzollern, zu denen auch die preußischen Könige gehörten, hatten sich aus politischen Erwägungen der Reformierten Kirche angeschlossen. Nun waren aber in Brandenburg und der Provinz Posen viele Gemeinden lutherisch. König Friedrich Wilhelm III. wollte Königshaus, Familie und Volk konfessionell vereinen, eine Union schaffen, hoffend, dass sich die erheblichen Lehrunterschiede der beiden Konfessionen etwa beim Abendmahl und der Vorherbestimmung des Menschen überbrücken ließen.

Das Gedenken an Luthers Thesenanschlag im Jahr 1517 schien passend, nach 300 Jahren, also 1817 eine Kabinettsorder zu erlassen, die Lutheraner und Reformierte seines Landes zur Vereinigung aufrief. Er wollte dabei die Union niemandem aufzwingen. Eine neue Agende (Gottesdienstordnung) wurde erarbeitet und den Gemeinden zur Annahme vorgelegt. Die preußischen Beamten jedoch, die der Auffassung waren, der König habe als Landesherr das Recht, liturgische Formen einfach anzuordnen, versuchten z. T. gewaltsam die neue Agende einzuführen. Das brachte von verschiedenen Seiten heftigen Widerstand und ab 1822 den sogenannten Agendenstreit.

Die Evangelisch-lutherische (altlutherische) Kirche war eine lutherische Kirche altkonfessioneller Prägung. Sie hatte sich ab 1830 unter der Bezeichnung „Evangelisch-Lutherische Kirche in Preußen‟ (später „in Alt-Preußen‟) gebildet. Sie gehört heute zur Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche. In der altlutherischen Kirche schlossen sich jene lutherischen Gemeinden in Preußen zu einer vom Landesherrn unabhängigen Kirche zusammen, die weder die 1817 erfolgte Union zwischen lutherischen und reformierten Gemeinden noch die Agende des Königs noch den Unionsrevers akzeptierten.
Die an liturgische „Freiheit‟ gewöhnten rationalistischen Pfarrer wehrten sich gegen eine feste Form der Liturgie. Die Reformierten bemängelten, dass in der neuen Agende fast nur lutherische Elemente enthalten seien und die Lutheraner, vor allem in Schlesien, hinterfragten das landesherrliche Kirchenregiment. Der König war zu Zugeständnissen bereit, aber eine gewisse Unzufriedenheit blieb.

Zum 300. Jubiläum des Augsburger Bekenntnisses verschärften sich die Auseinandersetzung 1830 sowohl zwischen dem König Friedrich Wilhelm III. als auch der neu gegründeten unierten Evangelischen Kirche in Preußen. Ein Verbleib der lutherischen Gemeinden innerhalb der evangelischen Unionskirche war den lutherischen Pfarrern mit ihren Kirchengemeinden auf Grund der Betonung und des Alleinstellungsmerkmals der Evangelisch-Lutherischen Bekenntnisschriften nicht möglich, so dass unter Billigung der unierten Landeskirche der preußische Staat mit harten Verfolgungsmaßnahmen gegen die Altlutheraner vorging.
Erst 1841 wurde die Evangelisch-lutherische (altlutherische) Kirche staatlich geduldet und 1845 schließlich unter harten Auflagen staatlich anerkannt, so dass sie sich eine eigene kirchliche Ordnung geben konnte. Sie ist damit die älteste lutherische altkonfessionelle Kirche Deutschlands. Ihre Glieder wurden von Außenstehenden bald als „Altlutheraner“ bezeichnet. Später gehörten ihr auch Gemeinden anderer Länder Deutschlands an, etwa in Nassau (ab 1852), Baden, Hessen und Hannover. In diesen Ländern bildeten sich später zum Teil eigenständige lutherische Kirchen.
Die Glieder dieser Kirche in der Provinz Posen, meist Altlutheraner genannt, hatten in Prittisch und Meseritz dazu in Posen, Nekla (bei Wreschen), Birnbaum, Neutomischel, Tirschtiegel, Dürrlettel, Grätz, Neu Hopfengarten (bei Neutomischel), Koschanowo und in und um Rogasen und Bromberg ihre Kirchen oder Bethäuser (auch Kirchenlokale genannt) und wurden von eigenen Pastoren oder Lektoren betreut.

Die Verwaltung der evangelisch-lutherischen Kirche in Preußen oblag dem Oberkirchenkollegium (ältere Schreibweise Ober-Kirchen-Collegium; O.K.C.) in Breslau. Von 1883 bis 1945 unterhielt die Kirche ein theologisches Seminar in Breslau. 1930 wurde die Evangelisch-lutherische Kirche in Alt-Preußen als Körperschaft des öffentlichen Rechts (KdöR) anerkannt.
Die altlutherischen Gemeinden in den Woidwodschaften Pommerellen und Posen mit etwa 7.000 Mitgliedern bildeten auf einer Synode in Bromberg am 13. Oktober 1920 die Evangelisch-Lutherische Kirche in Polen (Kościół Ewangelicko-Luterański w Polsce; ab 1926 Evangelisch-Lutherische Kirche in Westpolen/Kościół Ewangelicko-Luterański w Polsce Zachodniej in Abgrenzung zur Evangelischen Kirche A.B. in Polen unter der geistlichen Leitung von Superintendent Reinhold Büttner, Pastor in Rogasen.

 

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Quellen:

  • Launhardt, Dr. Johannes: Altlutheraner im Posener Land; veröffentlicht im Internet, Teil 1 und Teil 2 (zuletzt besucht am 31. Juli 2018)
  • Gotthold: Ev.-luth. Volkskalender für das Jahr 1883, Hrg. G. Fengler, Cottbus 1883
  • Wikipedia Artikel Evangelisch-lutherische (altlutherische) Kirche (zuletzt besucht am 31. Juli 2018)

Forschungsstelle Posen