Die Schlesischen Provinzialblätter als genealogische Quelle

Die Geburts- und Heiratsanzeigen
Ein Register für die Jahre 1785 – 1849

Bearbeitet von Frank Lubisch (Geburtsanzeigen) und Uwe Kambach (Heiratsanzeigen)

Vorwort

Porträt von Karl Konrad Streit

Bei der Suche nach schlesischen Vorfahren stößt man schnell auf Schwierigkeiten, weil gerade evangelische Kirchenbücher in Schlesien in ihrer Mehrzahl durch die Kampfhandlungen 1945 an den Auslagerungsorten des Evangelischen Zentralarchivs Breslau vernichtet wurden. So stellen die „Schlesischen Provinzialblätter‟ eine der verschiedenen Möglichkeiten dar, wie trotz der erheblichen Verluste doch noch wenigstens ein Teil der zu erforschenden Personen nachweisbar sein kann.
Wegen der Bedeutung dieser Quelle gab und gibt es mehrere Formen ihrer Auswertung. Zuerst hat Karl Friedrich Reimer in Berlin die familienkundlichen Nachrichten aus den „Schlesischen Provinzialblättern‟ verkartet und gab gegen Gebühr Auskünfte. Über den Verbleib seiner Kartei ist nichts bekannt, es kann aber angenommen werden, dass dieses Material vernichtet ist, da sein Berliner Wohnsitz bei einem Bombenangriff zerstört wurde. Karl Schlawe erschloss ab 1930 in der Zeitschrift „Der Schlesische Familienforscher‟ der Niederschlesischen Arbeitsgemeinschaft für Familienkunde die Nekrologe für die Jahre 1785 bis 1790 und von Uwe Kambach erschien in Neustadt an der Aisch 1994 die Buchpublikation „Die Eheschließungen in den Schlesischen Provinzialblättern 1785–1849‟, womit diese Anzeigen vollständig erschlossen wurden. Michael Rüdiger Gerber behandelte in seinem Werk „Die Schlesischen Provinzialblätter 1785–1849‟ (Sigmaringen 1995) die Blätter im Zusammenhang mit dem damaligen schlesischen Pressewesen, Helmut Großmann schrieb schon 1924 in seiner Dissertation über „Die Schlesischen Provinzialblätter von 1785–1849 und ihre Bedeutung als Wirtschafts-Zeitschrift‟.

Die Provinzialblätter stellen eine so reichhaltige genealogische Quelle dar, dass Uwe Kambach zwischen 1988 und 1991 die Eheschließungen erfasste und in eine Datenbank überführte, welche die Grundlage für das oben erwähnte Buch ist. Auf 431 Seiten werden nach einer Einführung in deutscher und englischer Sprache die Daten von 19.583 Eheschließungen aufbereitet, insgesamt sind dabei ca. 40.000 Personen erfasst worden. Bei jeder Eheschließung wurden Datum, Ort (Originalschreibweise), Name, Beruf (evtl. auch Herkunft), Name des Ehepartners (zuerst der Geburtsname, bei Pflegeeltern in Klammern gesetzt), Namen der ersten Ehe bei Witwen, eine Quellenangabe (Jahrgang und Heft) und die Art des Eintrags (Heirat, Jubiläum, Korrektur, verschlüsselt als h, j, k beim Register Ehemann) angegeben. Dabei kam es wegen des vorhandenen Platzes zu Kürzungen; so wurde der selten mitgeteilte Vorname des Ehemanns grundsätzlich weggelassen, auch Zusätze bei Ortsnamen wurden nicht aufgenommen, bei mehreren Berufen nur einer erfasst. Das Buch enthält Register des Ehemanns, der Ehefrau, der Orte, der ersten Ehe bei Witwen. In der vorliegenden Datenbank sind die im Buch genannten Informationen vollständig abrufbar.

Frank Lubisch begann 1998, die Geburtsanzeigen in einer Datenbank zu erfassen. Beabsichtigt war ebenso eine Publikation wie jene von Uwe Kambach, dazu ist es aber bisher nicht gekommen. Die entstandene Sammlung enthält Angaben zu 62.230 Geburtsanzeigen, die in der vorliegenden Datenbank vollständig abrufbar sind.

Für das Register aller Geburts- und Heiratsanzeigen mussten Uwe Kambach und Frank Lubisch 3.628 Seiten aus den verfilmten 65 Jahrgängen der Provinzialblätter lesen und auswerten, da es in Deutschland keinen vollständigen Originalbestand davon gibt. Mitunter war die Lesbarkeit so stark beeinträchtigt, dass einzelne Buchstaben nicht zu entziffern waren und durch Fragezeichen ersetzt werden mussten. Anschließend wurden die Angaben der Anzeigen in jeweils einer Datenbank erfasst und weiter bearbeitet.

Einleitung

Anfang des Jahres 1784 war wohl an einem fröhlichen Abend „an welchem das, was in Breslau die gelehrte Welt bildete, sich zusammengefunden hatte und im traulichen Gespräch über die damals allerwärts sich regende literarische Thätigkeit einzelnes Bedauern laut geworden war, daß gleiche Regsamkeit in der Hauptstadt Schlesiens nicht sich zeige.“ die Gründung der „Schlesischen Provinzialblätter‟ beschlossen, Mitte des Jahres wurde die neue Publikation angekündigt und am 31. Januar 1785 das erste Monatsheft ausgeliefert. Gründer und Herausgeber für die nächsten 30 Jahre waren der damalige Kammersekretär Karl Konrad Streit und der Kammerkalkulator Friedrich Zimmermann, beide in der Königlich Preußischen Kriegs- und Domänenkammer in Breslau angestellt, wodurch sie Zugang zu Informationen hatten, die sie zum Teil in ihrer Monatszeitschrift veröffentlichen durften.

In einer Bekanntmachung der ersten Ausgabe wurde unter anderem mitgeteilt, es „werden diese Blätter allerhand Zeitnachrichten berichten, als Geburten, Heiraten, Todesfälle, Dienstveränderungen, Käufe adliger Güter, Naturbegebenheiten, Garnpreise usw.‟ Dieser Programmatik blieben bis zur letzten Ausgabe im Dezember 1849 auch alle Herausgeber nach Streit und Zimmermann treu. Es waren also Nachrichten, die für die Provinz Schlesien von Interesse waren, daneben Informationen aus dem Familienleben und ab dem zehnten Heft auch eine literarische Chronik Schlesiens. Ein Anhang mit privaten und Geschäftsanzeigen ergänzte das Blatt.
Das Verbreitungsgebiet war hauptsächlich Schlesien, wobei es gerade im Industriegebiet Oberschlesiens weniger und in Österreichisch Schlesien kaum gelesen wurde, was sich an den Anzeigen ablesen lässt. Andererseits wurde es auch in dem 1793 an Preußen angegliederten Gebiet Südpreußen gelesen, weil dort schlesische Beamte in der Verwaltung tätig waren. Die nichtschlesischen Eintragungen liegen allerdings nur bei ca. 3%. Monatlich erschien ein Heft mit etwa 100 Seiten, sechs Hefte bildeten einen Band, sodass jährlich zwei Bände erschienen, zuletzt (1845) in einer Auflage von 2.100 Exemplaren.

Nachdem Zimmermann am 27. März 1815 verstorben war, führte Streit als alleiniger Verleger die Provinzialblätter weitere neun Jahre fort. Mit Beginn des Jahres 1824 erhielt er Unterstützung durch seinen späteren Nachfolger Johann Gustav Gottlieb Büsching. Am 21. September 1826 verstarb der inzwischen zum königlichen Regierungsrat avancierte Streit in Breslau nach über vierzigjähriger Verlegertätigkeit. Im Januarheft 1827 erschien ihm zu Ehren auf der ersten Seite der Provinzialblätter sein hier wiedergegebenes Bildnis als Kupferstich. Im Jahre 1849 wurde das Erscheinen der Provinzialblätter eingestellt. Es gab 1862 noch einmal den Versuch mit „Schlesische Provinzialblätter – Neue Folge“ an die Tradition anzuknüpfen. Diese erschienen bis 1875. In ihnen finden sich einige Personalnachrichten, aber ohne Datum.

Viele Schlesier werden die Provinzialblätter zeitgenössisch hauptsächlich wegen der familienkundlichen Nachrichten gelesen haben. Konnten sie es sich nicht leisten, die Zeitung zu kaufen, mussten sie warten. Oft erschien der Aufruf der Verleger, gelesene Hefte wieder an den Verlag zurück zu senden. Sie wurden dann gesammelt, zu Halbjahresbänden gebunden und anschließend der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Jeder konnte dann in den Postämtern der größeren Städte die gratis ausgelegten sogenannten „Blauen Bände‟ lesen.
In dieser gebundenen Form sind sie uns glücklicherweise erhalten geblieben. Die älteren Bände, nun schon 230 Jahre alt, haben zwar im Laufe der Zeit gelitten, dennoch ist es größtenteils möglich, den Inhalt zu entziffern. Die Druckqualität zur damaligen Zeit ließ noch sehr zu wünschen übrig. So kommt es vor, daß Buchstaben im Text fehlen oder die gedruckten Lettern verrutscht sind. Auch die unterschiedliche Papierqualität wirkt sich auf die Lesbarkeit der gedruckten Blätter aus. Hinzu kommen noch die Widrigkeiten der damaligen Kriegseinflüsse, als die französischen Truppen Anfang des 19. Jahrhunderts Schlesien besetzt hatten. Es herrschte zu dieser Zeit akuter Papiermangel, und der Druck der Zeitung musste sogar zeitweise verlagert werden. Auch die familienkundlichen Nachrichten waren zwischen 1807 und 1813 spärlich.

Die eigentlichen Quellen der familienkundlichen Nachrichten waren überwiegend ehrenamtliche Mitarbeiter der Provinzialblätter wie Kirchendiener, Beamte, Buchhändler und Privatpersonen. So gab es 1826 in 63 Orten ehrenamtliche Mitarbeiter, die Informationen sammelten und an den Verlag lieferten. Sie sandten ihre Mitteilungen an die Herausgeber, wo sie anschließend sortiert und veröffentlicht wurden: In der monatlichen Chronik erschienen Todesfälle, Heiraten, Geburten, Dienstveränderungen, Gutsverkäufe, Unglücke, Brände, Diebstähle, Krankheiten und vermischte Nachrichten. Die Anzeigen erschienen nach Orten und innerhalb dieser chronologisch sortiert, wobei die Nachlieferungen zuerst und die aktuellsten Einträge zuletzt mitgeteilt wurden. Allerdings erschienen die Einträge für Breslau immer zuerst.
Jeder konnte damals in dieser Rubrik kostenfrei seine Anzeige veröffentlichen lassen. Es muss aber beachtet werden, dass nur ein kleiner Teil der tatsächlich verzeichneten Ereignisse in den Provinzialblättern seinen Niederschlag fand. So wurden 1820 von 8.157 Eheschließungen in Breslau 61 erwähnt, in Liegnitz von 6.734 vier und in Oppeln von 6.185 fünf.

 

Zur Datenbank Schlesische Provinzialblätter Vorwort, Einleitung, Hinweise zur Benutzung – Geburtsanzeigen
Frank Lubisch (PDF 293 KB)

 

Quellen- und Literaturverzeichnis

1) Bestände der Schlesischen Provinzialblätter

  • Bremen, Staats- und Universitätsbibliothek, Zeitungsabteilung (alle Bestände auf Mikrofilm)
  • Schlesische Digitale Bibliothek (Stand Januar 2015)
  • Digitale Sammlungen der Universitätsbibliothek Bielefeld (Stand Januar 2015)

  • 2) Literatur
  • Michael Rüdiger Gerber: Die Schlesischen Provinzialblätter 1785–1849. Sigmaringen 1995.
  • Uwe Kambach (Bearb. und Hrsg.): Die Eheschließungen in den Schlesischen Provinzialblättern. Ein Register für die Jahre 1785-1849. Index to the marriages published in Schlesische Provinzialblätter (Silesian Provincial News) 1785-1849. Neustadt a.d. Aisch 1994.
  • Johann Georg Knie: Alphabetisch-Statistisch-Topographische Uebersicht aller Dörfer, Flecken, Städte und andern Orte der Königlich Preußischen Provinz Schlesien, mit Einschluß des ganzen jetzt zur Provinz gehörenden Markgrafthums Ober-Lausitz, und der Grafschaft Glatz. Breslau 1830.
  • Johann Georg Knie: Alphabetisch-Statistisch-Topographische Uebersicht aller Dörfer, Flecken, Städte und andern Orte der Königlich Preussischen Provinz Schlesien. Breslau 1845. Friedrich Gottlob Eduard Anders: Statistik der Evangelischen Kirche in Schlesien. Glogau 1848.
  • Georg Selke: Der Anteil der „Schlesischen Provinzialblätter‟ an der schlesischen Literatur. Breslau 1911.
  • Hans Heckel: Die Schlesischen Provinzialblätter von 1785-1849 in ihrer literarischen Bedeutung. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Literatur in Schlesien. Breslau 1921.
  • Heinz Stoob/Peter Johanek (Hrsg.), Waldemar Grosch (Bearb.): Schlesisches Städtebuch. Neubearb. Stuttgart u. a. 1995.

  • 3) Kartenmaterial
  • Ducatus Silesiae. Nürnberg, 1749.
  • Atlas Silesiae. Nürnberg 1750.
  • Straßenkarten 1:200.000. Dietzenbach: Höfer Verlag, 1994-1997: PL002 Ostbranden-burg/Niederschlesien; PL006 Mittelschlesien; PL007 Oberschlesien; CS002 Tschechische Republik: Nordböhmen-Ostböhmen; CS003 Tschechische Republik: Ostböhmen-Nordmähren.
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